Interview mit der Chorleiterin Anja Fiethen
Was macht eine gelungene Chorprobe aus? Warum ist Singen weit mehr als nur Musik? Und welche Vision hat unsere Chorleiterin Anja Fiethen für die Zukunft des Chores? Im Interview spricht sie über ihren ungewöhnlichen Weg zur Chorleitung, die besondere Atmosphäre in unserem Chor und ihre Wünsche für die kommenden Jahre. Jetzt das vollständige Interview lesen!
Liebe Anja, wie bist du zum Dirigieren gekommen?
Mit Musik bin ich aufgewachsen. Schon mit fünf Jahren habe ich angefangen, Klavier zu spielen, der Gesang kam später dazu. In meiner Schule wurde sehr viel Wert auf eine klassische Musikbildung gelegt, Musik wurde bis zum Abitur als Hauptfach unterrichtet,
Letztendlich hast du die Musik aber nicht zu deinem Beruf gemacht?
Beruflich wollte ich unbedingt in die Hotellerie gehen, also habe ich die Musik tatsächlich an den Nagel gehängt. Aber so eine Leidenschaft geht nie ganz weg und während meiner Zeit als Mama habe ich zur Musik zurückgefunden. Durch Zufall bin ich in einem Chor gelandet, zunächst nur um mitzusingen und Spaß zu haben. Dabei habe ich gemerkt, dass man auch mit fast 40 Jahren nochmal umsatteln kann, zumal die Kinder ja größer wurden.
Also hast du nochmal die Schulbank gedrückt?
Genau, ich habe die Chorleiterinnen-Ausbildung gemacht, um Chöre nach dem neuesten Standard professionell leiten zu können.
Noch heute bilde ich mich nach neueren und moderneren Methoden kontinuierlich weiter, sei es durch Workshops, Fortbildungen im Bereich Atmung oder zusätzlichen Unterricht für eine gesunde Stimme.
Das Dirigieren ist ja nur ein Teil des ganzen Chorleiterseins. Man ist nicht nur diejenige, die die Lieder einstudiert und eine Gruppe unterschiedlicher Menschen bis zu einem Auftritt zusammenhält. Man ist auch Teambuilderin, Organisatorin und Beraterin. Man will das Beste aus den Chormitgliedern herauskitzeln, gibt ihnen Tipps, wie sie aus ihrer Stimme noch mehr rausholen können, und berücksichtigt persönliche Belange. Das ist ein wunderbarer Job.
Wann ist eine Chorprobe für dich erfolgreich?
Ganz einfach: Wenn alle erfüllt und fröhlich vor sich hin summend nach Hause gehen – oder zum wöchentlichen Pizzaessen nach der Probe (lacht). Natürlich spielt auch der musikalische Fortschritt eine Rolle. Entscheidend aber ist die Harmonie, der Spaß am Singen und am Zusammensein, denn nur so entstehen große Dinge.
Was ist das Schöne für dich an diesem Chor?
Die Proben bedeuten für mich, in positiver Atmosphäre Zeit zu verbringen und nicht nur Energie reinzugeben, sondern auch zurück zu bekommen. Eigentlich ist das ja bei jedem Hobby so. Aber mit diesem Chor ist das nochmal intensiver. Zum einen, weil Musik immer berührt und wir so die Möglichkeit haben, Emotionen starker zu spüren. Vor allem aber, weil diese Sängerinnen und Sänger sehr viel positive Energie ausstrahlen und man sehr schnell in die Gemeinschaft aufgenommen wird.
Erwartest du, dass die Chormitglieder zu Hause üben?
Nein. Die Chorproben sind so aufgebaut, dass jede Sängerin und jeder Sänger alle Lieder gut mitsingen kann.
Nach welchen Kriterien suchst du die Lieder für den Chor aus?
Bei der Liedauswahl gehe ich in unserem Chor gern auf persönliche Wünsche ein. Daraus stelle ich eine ausgewogene Mischung aus neuen und alten Liedern zusammen. Das Repertoire reicht von deutscher und englischer Chorliteratur über Gospels bis hin zu bekannten Liedern von Milva, Nena und Reinhard Mey. Diese Bandbreite ist sehr außergewöhnlich.
Ein wichtiges Kriterium ist der Schwierigkeitsgrad. Wir singen bereits auf einem guten Niveau, möchten uns jedoch natürlich noch weiterentwickeln. Aber wenn wir uns an einem Lied verbeißen, geht der Spaß flöten. Dann legen wir es für eine Weile beiseite und probieren es später erneut.
Welches ist dein Lieblingslied aus dem Repertoire des Chors?
Haha, das ist die allerschwierigste Frage! (Überlegt) Ein einzelnes Lieblingslied habe ich nicht. Tatsächlich wirklich nicht. Generell sind meine Lieblingslieder die Stücke, mit denen sich meine Sängerinnen und Sänger mehrheitlich identifizieren können. Wenn ein Chor ein Lied liebt, spürt man das sofort. Es gibt allerdings Lieder, die mir nicht gut gefallen. Da versuche ich dann, mir das nicht anmerken zu lassen. (lacht)
Besonders beeindruckt mich in diesem Chor jedoch „Tebje Poem“. Dieses tiefgründige geistliche Werk, das Gottes Segen erfleht, berührt mich jedes Mal aufs Neue. Diese Harmonien, dieser Klang ziehen alle in den Bann und bewirken nach dem letzten Takt bei Sängern wie Zuhörern einen Moment der Sprachlosigkeit.
Wenn du einen Wunsch frei hättest: Wo soll der Chor in fünf Jahren stehen?
Ich wünsche mir einen Chor, der mit Begeisterung und mit vielen – wirklich vielen – Sängerinnen und Sängern auf der Bühne des Bürgerhaussaals steht und das Publikum mitreißt. Wir sollen der Chor sein, zu dessen Konzerten man gerne geht – und bei dem man unbedingt selbst dazugehören möchte.
In fünf Jahren ist der Generationenwechsel gelungen, weil wir offen sind und neue, herzliche Menschen gern in unsere Gemeinschaft aufnehmen – ganz ohne Druck. Bei uns wird niemand sofort verpflichtet oder fest eingebunden. Im Gegenteil: Jeder darf ganz entspannt reinschnuppern.
Unsere Proben werden lebendiger sein und richtig voll, sodass wir öfter Stühle dazustellen müssen. Wir werden immer genügend Mitwirkende haben, um Ausfälle problemlos aufzufangen.
Wir werden einen noch kraftvolleren Klang entwickeln, sodass jedem ein noch größerer Schauer den Rücken herunterläuft, wenn wir unser „He is the Lord“ singen.
Allerdings werden wir dafür ein neues „Problem“ haben: Mit so vielen Mitgliedern häufen sich die Geburtstage und damit die Süßigkeiten und Leckereien, die im Chor verteilt werden. Dann muss ich mich viel mehr anstrengen als jetzt, mein Gewicht zu halten. (lacht)